Fachtagung 2010

Tagung „Faszination junges Gehirn“

Fachtagung Sekundäre Traumatisierung„Faszination junges Gehirn – Traumata und die Auswirkung auf das Gehirn von Kindern und Jugendlichen“

Ziel der Tagung ist es, die Verknüpfungen und Zusammenhänge der Traumatherapie zwischen einzelnen Disziplinen der Neurophysiologie aufzuzeigen.  Forschungen haben gezeigt, dass traumatische Erlebnisse Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche der menschlichen Psyche haben können. Die daraus resultierenden Ergebnisse werfen immer wieder Thesen und Theorien auf, die für die Sozialpädagogik wertvolle Erkenntnisse und neue Ansätze in Umgang mit traumatisierten Jungen und Mädchen liefern .

Neurowissenschaftler und Pränatalpsychologen haben bewiesen, dass Traumata bereits das Leben von Kindern im Mutterleib stark beeinflussen können.  Beide Fachbereiche sind der Ansicht, dass die neurologische Entwicklung eines Kindes mit der Empfängnis beginnt. Durch die Hirnforschung ist auch belegt, dass Mutter und Kind in der Schwangerschaft intensiv miteinander kommunizieren. Der Hirnforscher Gerhard Roth hat in Tierversuchen nachgewiesen, dass die Stressachse im Mutterleib vorprogrammiert wird. Der vorgeburtliche Stress führt zu einer niedrigeren Stressschwelle, was bei Kleinkindern eine schlechte Regulierung ihres Verhaltens zur Folge hat. Bei älteren Kindern und Erwachsenen äußert sich dieser pränatale Stress in Phobien, depressiven Störungen und anderen psychischen Erkrankungen.

Wie gut oder wie schlecht ein Mensch mit Stress umgehen kann, wird nicht nur durch die Eindrücke und Erlebnisse während der Schwangerschaft geprägt. Auch die mütterliche Fürsorge spielt eine maßgebliche und bedeutende Rolle. Vor allem bei Neugeborenen, als auch während der sogenannten „sensiblen Lebensphasen“. Die Neurobiologie konnte eine Verbindung zwischen Gewalt und Missbrauch und ihren Einfluss auf die menschlichen Gene herstellen. Kanadische Forscher haben nachgewiesen, dass sich Erfahrungen in biochemischen Prozessen niederschlagen. Betroffen von diesen Vorgängen sind nicht die DNA-Sequenzen, sondern ihre biochemische Verpackung. Deutlich sichtbar werden diese Veränderungen im Hippocampus. Im Versuch zeigte sich, dass diese Gehirnregion, die an Gedächtnis- und Lernvorgänge beteiligt ist, still gelegt war. Wichtige Erbinformationen dieser Zellen waren mit „molekularen Schlössern“ versehen. Diese „Schlösser“ verhinderten die Produktion notwendiger Proteine, die widerum Auslöser für die (Weiter)entwicklung kognitiver Fähigkeiten sind. Dies könnte erklären, warum der Hippocampus bei misshandelten Kindern unterentwickelt ist.

Die Epigenetik ist der Hoffnungsträger für Experten, was das Thema Traumabewältigung anlangt. Versuche mit Mäusen haben gezeigt, dass eine Trennung der Jungtiere von ihren Müttern erhebliche traumatische Folgen haben kann. Die Stressresistenz wird vermindert, kognitive Leistungen und Verhaltensweisen werden beeinträchtigt. Forscher haben herausgefunden, dass durch die Verabreichung bestimmter Medikamente die Langzeiteffekte dieser Störungen behoben werden können. Diese, aus Tierversuchen stammenden, Ergebnisse können nicht auf die menschliche Psyche abgebildet werden. Es zeigt jedoch, dass die epigenetische Ebene des Menschen einige Zugänge bietet, um bestimmte Korrekturen bzw. Veränderungen synaptischer Fehlschaltungen zu erzielen.

Aus der Praxis weiß man, dass sich nicht jedes Individuum gleich gut an traumatische Erlebnisse erinnert. Zum Großteil hängt das mit der Eigenheit des Vergessens zu tun. Eine Thematik, mit der sich die Hirnforschung  erst seit kurzem beschäftigt. Sigmund Freud und Pierre Janet bezeichneten dieses Phänomen als „Verdrängung“. Mit der Ansicht, dass es zwingend notwendig ist, unerwünschte Erlebnisse in Erinnerung rufen, um ein unkontrolliertes Ausbrechen zu verhindern, wie in Angstattacken zum Beispiel. Für das „traumatische Vergessen“ gibt es heute eine medizinische Erklärung. Die Fachleute nennen es „traumatische Amnesie“. Vielfach dokumentiert sind solche Fälle bei sexuellem Missbrauch. Bei traumatischen Erlebnissen ist der oder die Betroffene extremen Stress ausgesetzt. Das Stresshormon Cortisol wird in hohen Mengen ausgeschüttet, so dass der Hippocampus mit der traumatischen Erfahrung nicht fertig werden kann. Neurologen versuchen, diese chemischen Prozesse zu beeinflussen, um solche Ereignisse aus der Erinnerung zu tilgen. Erste Tierversuche mit bestimmten Medikamenten haben gezeigt, dass dieser Ansatz durchaus positive Tendenzen zeigt.

Die Neuropädagogik geht mit Freuds Ansatz, Traumen immer wieder zu erleben, um sie zu bewältigen, nicht konform. Sozialpädagogen sind der Ansicht, dass für die Bewältigung von Traumata mehr dazu gehört als der enge Rahmen einer Psychotherapie, die sich ausschließlich auf die Analyse des Geschehenen konzentriert. Im Gleichklang mit der Traumforschung sind Experten zu der Erkenntnis gelangt, dass bei der Begleitung und Unterstützung traumatisierter Jungen und Mädchen wichtige Aspekte nicht außer Acht gelassen werden. Die Einbeziehung von so genanntem „traumabezogenem Material“. Traumatisierten Kindern sollte vermittelt werden, dass sie für derartige Lebensumstände nicht verantwortlich sind und dass es viele Familien gibt, in denen körperliche, häusliche und sexuelle Gewalt vorkommt. Dieser Hinweis seitens der Betreuer soll den Betroffenen helfen, die Scham und Schuldgefühle neu zu positionieren und ihre Herkunftsgeschichte zu bewerten. Die Hirnforschung belegt, dass strukturelle Veränderungen im Gehirn bis ins hohe Alter möglich sind. Daraus ergibt sich ein bejahender Zuspruch für die sozialpädagogische Führung traumatisierter Kinder und Jugendlicher. Als Vorraussetzung für die Traumabewältigung werden Geborgenheit und Stabilität genannt. Dies erfordert Einfühlungsvermögen und vor allem gut geschultes Personal. Experten kritisieren, dass viele praktizierende Sozialpädagogen keine Ahnung von Traumatheorie haben und vor allem keine Vorstellung davon besitzen, welcher spezifischen Belastung sie in diesem Beruf ausgesetzt sind. Ein Zustand, der sich negativ auf die Handlungsfähigkeit der Pädagogen auswirkt.